Feine Musik für kleines Publikum

Ein bewegendes Kammerkonzert für ein kleines Publikum:
der Beweis, dass sich gute Musiker durch leere Stuhlreihen nicht verunsichern lassen, wurde am Sonntag im Farelsaal erbracht.

th. Bieler Farelsaal, letzten Sonntag, 17 Uhr: Das vom Veranstalter «Frag-Art» als Klassik-Geheimtipp angekündigte Kammermusikkonzert sollte beginnen. Doch das «geneigte» Publikum hat den Tipp wohl buchstäblich als geheim verstanden und glänzt mit Abwesenheit. Nur ein gutes Dutzend der bereitgestellten Stühle werden beansprucht. Für die Musiker aber ist dieser Umstand offenbar ganz und gar kein Grund, Trübsal zu blasen. Sie liefern damit den besten Beweis, grossartige Künstler zu sein. Neben einer fabelhaften Technik, lupenreiner Intonation und erstaunlichem Variationsreichtum der Artikulation besticht das Spiel der Violinistin Kamilla Schatz und des Cellisten Emil Rovner vor allem durch ihre Emotionalität. Der Umstand, dass die beiden nicht bloss Kammermusikpartner, sondern auch privat ein Paar sind, wirkt sich hörbar positiv aus. Die aussergewöhnliche musikalische Kommunikation und die Begabung, ihre Gefühle wirklich in die Musik fliessen zu lassen und sich nicht nur in äusserlichern Gehabe zu verfangen, zeichnet die beiden aus. Ihnen zuzuhören macht einfach Spass.

Köstliches Vergnügen
Die Interpretation der Sonate für Violine und Violoncello von Maurice Ravel wird so zum köstlichen Vergnügen. Das schroffe Stampfen im zweiten Satz, der Aufbau des dritten Satzes, der zuerst melancholische Weltabgewandtheit zelebriert und dann doch noch zur eindringlichen Anklage wird, das aufmüpfige erste Thema des vierten Satzes, nicht etwa als Spiel verharmlost, sondern als nonchalante Eugenspiegelei gegeben, das alles ist schon sehr meisterlich und macht einen schmunzeln. Wer hätte gedacht, dass die zierliche Geigerin in ihrem paillettenbestickten Abendkleid ihr Instrument derart zu bearbeiten vermag? Oder dass der Bass für die eigens arrangierten zum Schluss erklingenden jüdischen Lieder kein anderer als der gleichzeitig spielende Cellist ist?

Mutige Wahl
Hoch anzurechnen ist den beiden übrigens die Professionalität ihrer Auftritte. Gemütliches Auf-die-Bühne-Schlendern mit anschliessendem ausgedehnten Stimmen, so der Brauch vieler Streicher, gibt es da nicht. Die Instrumente werden ganz selbstverständlich in der Garderobe gestimmt. Ein Lob auch für den Mut, ein zeitgenössisches Stück an den Beginn zu stellen. Die «Facetten» für Solovioline von Balz
Trümpy erklingen dann quasi als i-Tüpfelchen auch noch auswendig vorgetragen. Muss man nun noch anmerken, dass wirklich etwas verpasst hat, wer sich nebenan in der Nidaugasse an Sonntagsverkauf, Weihnachtsmarkt und Glühwein berauschte?

Aus dem Bieler Tagblatt vom 14. Dezember 2004