Intime Arien

Milanova und Hristova brillierten

SILVIA RIETZ

Von den wenigen Werken, die Giuseppe Verdi nicht für die Musikbühne geschrieben hat, sind das Requiem, das Streichquartett und die «Quattro prezzi sacri» berühmt. Doch bevor der junge Verdi den Sprung ins Operngeschäft geschafft hatte, veröffentlichte er zwei Serien von Romanzen, die zu den Schätzen der Kammermusik Italiens gehören. Es ist das Verdienst von Frag-Art-Veranstalter Franz Grimm und der Sängerin Julia Milanova, dass zum Abschluss des Verdi-Jahres nicht Primadonnen-Standardhits, sondern im deutschprachigen Raum wenig bekannte Romanzen erklangen.
Diese sind weniger Lieder, als vielmehr intime Arien für Singstimme und Klavier, gespickt mit atemberaubenden Läufen und Koloraturen. Auch wenn sie Verdis Vorliebe für Pathetik und Tragik vorweg nehmen, kam er doch nirgends in seinem Werk dem spritzigen Buffo-Ton eines Donizetti näher als in seinem Porträt eines Schornsteinfegers und im Trinkspruch «Brindisi». Das geschickt zusammengestellte Programm mischte elegische Trauer und überbordenden Schalk - eine breite Gefühlspalette und grosse Herausforderung an die Interpreten.

Julia Milanova wurde allen Erwartungen gerecht. Verfügt ihr Sopran doch über die unabdingbaren Attribute einer Verdi-Interpretin: Dramatische Stimmpotenz und virtuose Leichtigkeit in den Koloraturen.  Sie trumpft nicht allein mit verschiedensten Sopranfarben auf, sondern mit dem guten Sitz einer gut ausgebildeten Stimme mit schöner Mittellage und gut angebundener Tiefe. Souverän meisterte sie die Verzierungen in «La zingara»; schlicht und innig erklang das italienische «Meine Ruh' ist hin»; rhythmisch und getragen «Il tramonto». Mit spritzigem Übermut tupfte sie die Töne von «Lo spazzacamino» und «Stornello » in den Konzertsaal. Rauschhaft bot sie das «Brindisi» dar, illuminierte mit graziösen Tanzschritten Party-Atmosphäre. Neben spielerischer Ausgelassenheit verfügt Milanovas Ausdruckspalette auch über die Verzweiflung und Wehmut, die der Obdachlose in «Il poveretto» umfängt. Das ganze Konzert Über verleugnete Julia Milanova nie die Opernsängerin, gestaltete vielmehr jede Romanze zum individuellen Schicksalsbericht. Und dies, ohne je zu überzeichnen oder in Larmoyanz zu verfallen. Krassimira Hristova war ihr am Flügel in allen Romanzen eine kongeniale Partnerin, deren Spiel durch Virtuosität und Einfühlungsvermögen beeindruckte. Der begeisterte Applaus und Zugaben aus dem witzigen «Stornello» und spritzigen Trinklied versetzten den Saal in Feststimmung.

Aus der Solothurner Zeitung vom 29. Dezember 2001