Menuhin hätte sich gefreut

Henriette Gärtner's Klavierrezital als vorweihnachtliches Geschenk

OSCAR I. HAGMANN

Die schönste Barockstadt der Schweiz wurde trotz weihnächtlicher Hektik zur Stadt der Freude. Dies ist der 26-jährigen Pianistin Henriette Gärtner aus Freudenstadt (D) zu verdanken.

Bereits als Fünfjährige hatte Henriette Gärtner ihren ersten grossen Auftritt in Stuttgart. Mit acht Jahren spielte das deutsche Wunderkind an den Internationalen Musikfestwochen in Luzern Haydn und Mozart und so setzte sich die traumhafte Karriere ohne Einbruch bis heute auf dem internationalen Konzertparkett fort.
Eine grosse Zuhörerschaft liess sich durch ein interessantes Programm verzaubern, beginnend mit den zehn Bagatellen von Alexander Tscherepnin (1899-1977). Griffig, durchstrukturiert, spielerisch-bravourös, mit stupenden Läufen interpretierte Gärtner dieses interessante Werk mit viel Tiefgang auf höchstem musikalischem Niveau, womit der “Tarif” für den Abend gegeben war. Auch im folgenden Werk erwies vollends sich die genial-begabte Könnerin ohne Allüren und mit angenehmer Ausstrahlung als souveräne, kalkulierende Künstlerin ohne jegliche Schmäh.

À la Glenn Gould
In Chopins Ballade Nr. 2 F-Dur genoss man ihren 3-dimensionalen Anschlag à la Glenn Gould, wobei auch die linke Hand sehr zu imponieren wusste. Eine durchdachte Interpretation in grossen Bogen zog die Zuhörer
vollends in Bann: dionysisch-orgiastisch ohne Fehl und Tadel Teil 2 und 4, philosophierend-malerisch Teil 1 und 3 sowie der Schluss.
Danach folgte die d-Moll Chaconne  aus der Partita II von Bach-Busoni, wo man Menuhin in den besten Jahren zu hören glaubte, heute in herrlich pianistischer Umsetzung mit subtilem, klugem Pedalgebrauch, sodass es streckenweise tönte, als sässen die Geschwister Labeque vierhändig am Flügel. Die nicht Erschienenen haben etwas verpasst. Das Konzert liess viel Unglück vergessen und reinigte die Seele vom berühmten Staub.

Rhapsody in Blue very sophisticated
Das wohl bekannteste Gershwin-Werk, erlebte eine “very sophisticated” Wiedergabe, zum Teil auch wieder vierhändig anmutend. Jedenfalls vermisste man das Orchester nicht im geringsten. Die kluge, nie langweilende Programmwahl liess das Konzert zu kurz erscheinen, obwohl jetzt eher gefällige Machwerke auf dem Programm standen, aus denen Henriette Gärtner das beste machte. Paderewsky's bekanntes, epidemische G-Dur-Menuett sowie die Melodie Op. 8 Nr. 3, die jedoch unter den talentierten Händen der Pianistin in formvollendeter Schönheit erklang, mit Tiefen, die man diesen Kompositionen gar nicht zutraut. So könnte man diese Melodie Op.8 direkt den Preludes von Chopin zuordnen.
Dasselbe gilt für den technisch sehr anspruchsvollen Mephisto Walzer Nr. 5 von Liszt. Teuflisch verrückt, wohl an die diabolisch-gigantische Walpurgisnacht erinnernd, mit ungeahnten, überraschenden Wendungen, die Gärtner subtil, ganz selbstverständlich meisterte, sodass keine wirkliche Angst aufkam, so souverän war ihre inspirierte Interpretation. Von technischen Schwierigkeiten keine Spur, sie schöpft aus dem Vollen und lotet trotzdem aus.Gerade so wie mans gerne hört und trotzdem eigenständig: beherrscht titanisch. Gerne würde man von ihr ein Beethoven-Konzert hören. Spielen kann sie ja eh alles.

Aus der Solothurner Zeitung vom 19. Dezember 2001