Virtuoses Liszt-Rezital

Pianist Vladimir Bunin begeisterte am Frag-Art-Konzert

SILVIA RIETZ

Ein devoter Diener der Musik ist Vladimir Bunin, der Pianist der Moskauer Schule, nie gewesen. Wenn Bunin spielt, scheint ein konstruktiver Kampf zwischen eigenwilligem Ausdruckswillen und Notentext stattzufinden. Wo die künstlerische Synthese gelingt, und Interpret und Werk sich einigen, wie bei Kompositionen von Pranz Liszt, entstehen beglückende Momente. Vor allem wenn sich Vladimir Bunin Liszts h-Moll Sonate vornimmt. Hier findet er alles, was das Pianisten-Herz begehrt: Die einsätzige Sonate bietet die vier Sätze der klassischen Sonate mit stets gleichem, nur eben neu variiertem Material. Langsamer Satz, Scherzo, Finale und Kopfsatz unter dem Dach eines einzigen Gebäudes.

Nicht nur beeindruckende Technik
Vladimir Bunin versagt sich billigen Effekten, gibt die Konstruktion und Differenziertheit dieser Musik prägnant und virtuos wieder. Schält dabei nicht nur die Brillanz des irrwitzigen Oktaven-Höhepunktes heraus, sondern auch die Fülle an Farben, Nuancen und Freiheiten. Unter seinen Händen wird die Sonate zur tiefgründigen symphonischen Dichtung für Klavier, wo der langsame Schluss wunderbar magisch klingt. Beherzt und erhaben widmet sich Bunin dem «Sposalizio» aus den «Année de Pélerinage», die Liszts «Wanderjahre eines Virtuosen» reflektieren. Nicht nur die Schweiz und Italien hatte es dem in Ungarn geborenen Weltenbürger Pranz Liszt angetan. Er sprach zwar kein Wort Ungarisch, liebte jedoch die Musik der ungarischen Zigeuner und bearbeitete sie genial und wirkungssicher. Mit frenetischem Applaus bedachte das Publikum Bunins schwungvolle und zupackende Interpretation der «Ungarischen Rhapsodie» Nr. 6. Der Künstler bringt ins populäre Paradestück nicht allein eine beeindruckende Technik, sondern vor allem Raffinement und Klangsinn ein. Trotzdem hätte der Rhapsodie neben stupender Virtuosität und feurigem Paprika ein Quentchen mehr innere Leidenschaft gut angestanden. Das Liszt-Rezital bestätigte des Komponisten Feuer, Virtuosität und Bravour sowie den Rang von Vladimr Bunin als brillianter Tasten-Akrobat mit grossem Arsenal an lyrischen Zwischentönen ( «Schubert-Bearbeitungen» , «Liebestraum» ?) eine ideale Kombination und ein Genuss.

Aus der Solothurner Zeitung vom 5. Februar 2002