Gemälde und Askese

Cello und Klavier im Mittelpunkt

GUNDI KLEMM

Der Konzertnachmittag mit Kurt Hess (Violoncello) und Roland Degoumois (Klavier) spannte einen Bogen von musikalischen Debussy-«Gemälden» bis zur Klangaskese eins Ollivier Messiän.

Der zur Konzerteröffnung gespielte Claude Achille Debussy (1862-1918) war musikgeschichtlich einer der Komponisten, die aus der romantischen Klangwelt heraus einen Wendepunkt zur neuen Musik schufen. Olivier Messiän (geb. 1908), dessen «Louange à L'Etemité de Jésus» den Spätnachmittag im Konzertsaal ausklingen liess, setzte Debussys Anregungen in Konsequenz fort wie in dieser an Askese mahnenden Komposition. Die schlichten Klavierakkorde umrankt das Cello mit gregorianischen Motiven, die immer wieder in Halbtonschritten mystisch und oftmals fremdländisch zur mitgehörten Klavierstimme anmuten. Bei Debussy, dessen Sonate für Violoncello und Klavier in d-Moll mit den beiden Sätzen Prologü und Serenade/Final aufgeführt wurde, spürt man trotz aller Unkonventionalität der freien Gestaltung deutlich seine musikalischen Wurzeln in der Musik von Bach bis Mozart. Das Neue in seinem Stil, der Vorbild für zahlreiche nachfolgende Komponisten wurde, bilden die impressionistischen wie schwebend wirkenden Klangveränderungen. Die Debussy-Musik versetzte das Publikum irn Solothumer Konzertsaal in eine ganz besondere Form von Hellhörigkeit, die vielfarbige Gemälde und Empfindungen vors innere Auge zauberte. Natureindrücke, Leidenschaft, Melancholie: Dies alles sprach aus dem sorgsam abgestimmten Vortrag der beiden Solisten Kurt Hess und Roland Degoumois.

Seismographische Sensibilität
Zoltan Kodaly (1882-1967) war mit einer Sonate ( Fantasia, Adagio molto; Allegro con spirito) vertreten. Eigentlich ist der Ungar ebenso wie der berühmtere Landsmann Bartók dafür geschätzt, dass er volksmusikalische Überlieferungen in seine Kompositionen einfliessen liess. Das dargebotene Stück rief bezüglich Kraft und Dynamik entfernte Erinnerungen an Strawinsky wach. Beide Instrumentalisten erarbeiteten eine musikalische Graphik mit fast seismographischer Sensibilität. Mit diesen verdichteten, schweifenden Klangbildern im Ohr wirkte die dreisätzige Sonate op. 102 Nr.1 C-Dur von Ludwig van Beethoven (1770-1827) in ihrer dreisätzigen Architektur konzentriert und - fast möchte man sagen - vorhersehbar ordentlich, weil sie übliche Hörgewohnheiten anspricht. Beide Interpreten, deren künstlerischer Werdegang in dieser Zeitung bereits ausführlich vorgestellt Wurde, bewiesen in ihrem Zusammenspiel, dass sie in Technik und Interpretation ebenso wie mit neuer Musik auch mit den Ansprüchen eines klassischen Werks umzugehen verstehen. In den reichen Beifall für die meisterhaften Darbietungen war der unermüdliche Konzertorganisator Franz Grimm mit Dank einbezogen.

Aus der Solothurner Zeitung vom 24. April 2002