Seelenreise auf Saiten

Cellist Wen-Sinn Yang begeisterte

SILVIA RIETZ

Rituale prägen die Weihnachtszeit. Die Frag-Art-Konzerte am Stephanstag gehören mittlerweile für viele zum Weihnachtszereinoniell dazu. Wer sich auf ein musikalisches
Präsent auf den Auftritt von Bettina Sartorius gefreut hatte, wurde enttäuscht. Aber nur für einen Augenblick. Hatte Franz Grimm mit dem Cellisten Wen-Sinn Yang doch einen hochkarätigen «Ersatz» engagiert, dessen Spiel restlos begeisterte. Zumal der in Bern geborene Musiker mit Cello-Suiten von Johann Sebastian Bach und Benjamin Britten Kleinode für Geniesser mitbrachte.

Pablo Casals war es, der als JÜngling die sechs Bach-Suiten in einem Antiquariat von Barcelona entdeckte und sie viele Jahre später erstmaJs öffentlich aufführte. Wen-Sinn Yang hat sich intensiv mit Bachs Solosuiten auseinander gesetzt, wird sie im Laufe des kommenden Jahres für das Bayerische Fernsehen auf DVD einspielen. In Solothurn überzeugte der Musiker mit Bachs erster und dritter Suite: souverän, geistreich, aufregend expressiv und tiefsinnig verhalten. Unter Yangs Bogen erwachten emotional kolorierte Tänze und kunstvolle Präludien zur einzigartigen «Polyphonie auf vier Saiten».

Verdichtete Stimmungsmusik
Benjamin Britten soll seinem Freund Rostropowitsch beim gemeinsamen Essen auf eine Serviette gekritzelt haben: «Gutschein: sechs Solosuiten für Slava», konnte jedoch nur noch drei fertig stellen. Wen-Sinn Yang wählte für den Stephanstag Brittens Suite Nr. 1, die wie ihre Schwestern als Huldigung an das grosse Vorbild Bach eine Fuge aufweist. Um den Zuhörenden den Einstieg in die Klangwelt Brittens zu erleichtern, erläuterte Wen-Sinn Yang die biografisch gefärbten Sätze. Zwar drehen sich auch Brittens Suiten um den Kontrapunkt, doch im Sinne einer Seelenreise sind sie persönlicher als Bachs kunstvoll gewebte Tänze wie Sarabanden, Menuette oder Giguen.

Der Cellist nimmt das Publikum 24 spannende Minuten mit auf Tour. Die Reiseroute führt vorbei an rhapsodisch Schweifendem, verinnerlichtem Klagegesang zu verdichteter Stimmungsmusik voller Hoffnungen, Wünsche, Ängste und Freuden. Und Wen-Sinn Yang spannt über jede einzelne einen grossen Bogen - oder besser: Er findet denselben. Nie erliegt er der Gefahr, lediglich ein Tonkonstrukt abzubilden. Yangs Ton ist warm, persönlich, seine Linie atmet, und die Verläufe schwingen weit aus. Es gibt Interpreten, deren Ausdruckskraft und Virtuosität fesseln. Bei Wen-Sinn Yang kommt hinzu, dass sein Ton dem Ohr schmeichelt und das Uneitle und Präzise seines Spiels sich erfreulich von oft Gehörtem abhebt. Wen-Sinn Yang ist ein Ausdrucksmusiker, kein distanzierter Techniker.

Das Publikum bedankte sich mit lang anhaltendem Applaus für die Begegnung mit Bach und Britten und der Capricen-Zugabe von Alfredo Piatti.

Aus der Solothurner Zeitung vom 31. Dezember 2004