Berauschende Tonlandschaften

Gut besuchtes Frag-Art-Konzert mit Pianist Patrizio Mazzola.

Gundi Klemm

Wie kaum ein Instrument beflügelt das Klavier den Zuhörenden, Gedankenwelten zu erobern. Programmfolge und virtuose Spielweise von Patrizio Mazzola erschlossen wahrhaft berauschende Tonlandschaften.

Wenn man nicht wüsste, dass der 1685 geborene Domenico Scarlatti ein Zeitgenosse Bachs und Händels war, würde man ihn und seine effektvollen Sonaten E-Dur, e-Moll und G-Dur in der «Nach-Mozart-Zeit» ansiedeln. Denn seine Kompositionen liessen - durchaus vergleichbar mit der späteren Programmmusik - farbige Gärten vor dem inneren Auge entstehen, in denen Vögel zwitscherten und Gewässer rieselten.

Der Klavierkünstler Scarlatti entwickelte schon in der Barockzeit die Ausdrucksmöglichkeiten seines Instruments weiter und legte damit Grundsteine für seine Nachfolger.

In der Sonate c-Moll op. 111 von Ludwig van Beethoven (1770-1827) stellte Patrizio Mazzola ein wichtiges Beispiel für das durch die Kompositionskunst sprechende subjektive Erleben in der Blütezeit der Klassik vor. Wie mit einem breiten Pinsel malt die Musik im 1. Satz «Maestoso» mit Unisono-Thema eine kämpferische Stimmung, vor der sich wie eruptiv hell beleuchtete, freundliche Szenen abzeichnen. Bemerkenswert am hymnisch beginnenden 2. Satz «Adagio» mit seinen variationsreichen Klangketten wirkten der spieltechnisch anforderungsreiche Rhythmus und die mit bewunderter virtuoser Leichtigkeit gebotenen Triller-Reihen.

Chopin, Skrjabin, Rachmaninoff

Wie sehr das über die Jahrhunderte aus dem Cembalo über Klavichord zum Klavier weiterentwickelte Tasteninstrument den Charakter der Kompositionen bestimmte, war an diesem chronologisch aufgebauten Konzert deutlich abzulesen. Denn Mechanik und erweiterte Tonfülle waren für den «polnischen» Franzosen Frédéric Chopin (1810-1849) massgebend, der mit zwei Préludes und Etudes vertreten war.

Mazzola, der das gesamte Konzert auswendig spielte, interpretierte diese poetischen «Studien» und «Klavierdichtungen», in denen schon die neuartige Modulation und Chromatik aufschimmern, in grosser Brillanz. Folgerichtig erklangen vier Kompositionen des Russen Alexandr Skrjabin (1872 1915), der als damals bekannter Pianist mit Werken von Chopin und Debussy begeisterte. In seinem Oeuvre gelangte er in eigener motivisch-impressionistischer Arbeit fast an die Moderne. Bei dem zuletzt aufgeführten Sergei Rachmaninoff (1873-1943) vermischen sich in der Farbwahl seiner Tondichtungen russische und westliche Einflüsse. Zu hören waren zwei Préludes und eine Etude. Den nicht endenden Beifall belohnte Mazzola mit zwei fast zeitgenössischen Zugaben.

Mit Enthusiasmus weiter

Konzertorganisator Franz Grimm, dem - obwohl als Heilpädagoge wohnhaft in Erlach - das Solothurner Kulturgeschehen weiterhin am Herzen liegt, begrüsste das erfreulich zahlreiche Publikum im Konzertsaal. Er machte kurz auf das beeindruckende Jahresprogramm aufmerksam, das sich schon am nächsten Sonntag mit Polina Nikiforova (Klavier) und Vytis Sakuras (Violine) fortsetzt. Am Mittwoch, 23. Februar, spielen Bettina Sartorius und Werner Krapf. Als besonderen Höhepunkt kündigte Grimm das Konzert von Vater und Sohn Vladimir und Dimitri Ashkenazy an, das am 23. Oktober stattfinden wird.
 
Aus der Solothurner Zeitung vom 15. Februar 2005