Besuch eines virtuosen Chopin-Interpreten

Klavierrezital des Russen Boris Spasski

HELMUTH ZIPPERLEN

Der 1971 in Moskau geborene Boris Spasski gehört nicht nur der jüngsten Generation der
«Klassischen Russischen Klavierschule» an, sondern erwies sich im gut besuchten Konzertsaal auch als virtuoser Chopin-Interpret. Während in Konzerten vielfach nur die eine oder andere Ballade, das eine oder andere Scherzo des polnisch-französischen Komponisten zu hören ist, hat Spasski die Balladen eins bis vier vor der Pause und die Scherzi eins bis vier nach der Pause zu Gehör gebracht. Der Solist hat 2003 eine CD mit diesen Werken herausgebracht und seither in Moskau und westeuropäischen Metropolen das Rezital mit grossem Erfolg gespielt. Auch das Publikum in Solothurn, unter ihm der Kulturattache der Russischen Botschaft in Bern, damit in seinen Bann gezogen. Dass Spasski nicht nur ein hervorragender Chopin-Interpret ist, bewies er mit seiner zweiten Zugabe, einem Werk von Manuel da Falla.

Vor 20 Jahren hat Franz Grimm mit den "FragArt"-Konzerten begonnen. Seine Beharrlichkeit und sein persönliches finanzielles Risiko scheinen Früchte zu tragen. In Musikerkreisen hat sich Solothum als gute Adresse herumgesprochen. Grimm kann nun Leute wie Boris Spasski und demnächst Vladimir Ashkenazy in den Konzertsaal bringen. Auf die Frage, wie er dies anstelle, meint er lakonisch: “Das hängt mit meinem Namen zusammen. Die Grimm stammen aus einerZeit, als Wünsche noch in Erfüllung gingen.” Natürlich hat dies weniger mit den Brüdern Grimm zu tun, als mit der Seriosität und der Liebe zur Musik des Franz Grimm.
Boris Spasski setzte sich ans Klavier, Noten brauchte er nicht, machte mit den Händen einige LockerungsÜbungen, fixierte die Klaviatur und setzte präzis zu den ersten Tönen an. In der zwischen 1831 und 1835 entstandenen Ballade in g-Moll wurde er vor allem der Lyrik des Andantino-Themas gerecht. Er scheute sich auch nicht, die Fortissimi der Balladen klangvoll auszuspielen, ohne dabei die leiseren Töne zu vernachlässigen. Zwischen 1836 und 1839 komponierte Frederic Chopin (1810-1849) die zweite Ballade in F-Dur in welcher ebenso wie in der dritten Ballade in As-Dur (1841) die lustvollen Klänge überwiegen. Die vierte Ballade 1842 widerspiegelt, in f-Moll gehalten, die damaligen Spannungen zwischen Chopin und seiner Lebenspartnerin George Sand. Mit ihren Schluss-Forti wurde das Publikum in die Pause entlassen.

Differenzierte Scherzi
Die vier Scherzi entstanden im gleichen Zeitraum wie die Balladen. Im ersten Scherzo (1831), in h-Moll gehalten, beeindruckte vor allem die Interpretation der mystischen Abschnitte, die sich in der Folge zu furiosen und hochvirtuosen Passagen steigerten. Erst sechs Jahre später komponierte Chopin das zweite Scherzo in b-Moll. Spasski machte zu Beginn daraus ein Spiel der leisen und schrillen Töne, die erst später zur Harmonie fanden. Das dritte Scherzo (1839) beeindruckte mit seinen Tonkaskaden. Das vierte ist das Einzige in Dur gehaltene, nämlich in E-Dur und 1842 (wie die vierte Ballade) entstanden. Das mit einem klangvollen Schlussbouquet endende Werk lässt erahnen, dass Chopin und George Sand sich wieder versöhnt hatten.
Wirkte Spasski zu Beginn etwas gehemmt, wurde er, vor allem während der Scherzi, lockerer. Im Anschluss an das Konzert war zu erfahren, dass der Pianist leicht indisponiert war und offensichtlich im Verlaufe seines Spiels selber merkte, dass seine brillante Leistung darunter nicht litt. Die Werke von Chopin sind von zahlreichen Pianistinnen und Pianisten für Tonträger eingespielt worden. Die Interpretation des verhältnismässig jungen Boris Spasski muss den Vergleich nicht scheuen.

Aus der Solothurner Zeitung vom 12. April 2005