Ausnahmetalent

Top-Klavierspiel von Marek Ruszczynsk

Am Muttertagskonzert von Frag-Art gab es herrliches Klavierspiel zu entdecken: Marek Ruszczynski spielte Chopin und Schumann, schnörkellos, intelligent und ausdrucksstark.

Wird ein Talent von einem international reputierten Pianisten wie Nelson Goerner erkannt und gefördert, ist dies ein Gütesiegel. Sitzt der Mentor sogar im Konzert des Schülers, gilt dies wohl als Auszeichnung. Die Konstellation konnte passender kaum sein: Marek Ruszczynski interpretierte Mazurken, Nocturne und die h-Moll-Sonate seines Landsmannes Frédéric Chopin. Und er formt Chopins Klavierstücke als glühende Liaison zwischen Rhythmus und Melodie. Spielt sie so, als seien sie gerade der (improvisierenden) Schöpferhand Chopins entsprungen. Allein die Mazurken op. 50: Träumereien, wie herausgelöst aus dem Urgrund des polnischen Volksliedes, dem sie entstammen. Unter Ruszczynskis Händen wächst die Magie des Leisen und Verletzbaren. Eine Fülle farblicher und dynamischer Nuancen, Akzente, die deutlich machten, wie viel trotz x-mal gehörter Interpretationen in den manchmal als «leicht» empfundenen Charakterstücken Chopins steckt. Er ist ein technisch vorzüglicher, origineller und trotz seiner Jugend nachdenklicher Chopin-Interpret. Mit der h-Moll- Sonate op. 58 gelang es ihm, das Publikum in eine Klangwelt einzuspinnen, in der es weit mehr als nur Oberstimme und Begleitung gibt, sondern jede Nuance Bedeutung gewinnt. Marek Ruszczynski versenkte sich empathisch in Chopins Lyrizität und schöpfte aus dem Scherzo ein perlendes Klangwunder.

Tollkühn und hochsensibel
Die Romantik liegt dem Polen, wie der unnachahmlich drängende erste Satz von Robert Schumanns Fantasie C-Dur op. 17 offenbarte. Ruszczynski spielt diese Musik so herzzerreissend wild, tollkühn und zugleich hochsensibel, dass einem der Atem stockte. Wie er am Anfang davonbraust und die Sprünge am Schluss des zweiten Satzes platziert, da bezaubert das Flair jugendlicher Risikobereitschaft, virtuosen Könnens und gestalterischer Intelligenz. Während des ganzen Konzertes faszinierte, wie Ruszczynski den Anschlag zwischen härtester Punktierung und grossatmigem Legato differenziert. Er hört hinein in die Akkorde, in Klangfarben. Ein musikalisches Muttertagsgeschenk, nicht vom Grosshändler, sondern aus dem Spezialgeschäft.
(srb)

Aus der Solothurner Zeitung vom 10. Mai 2005