Das Spiel der Generationen

Zum Start der Frag-Art Saison gab es ein Vater-Sohn Konzert


Weltklasse in Solothurn: Vladimir Ashkenazy und Dimitri Ashkenazy spielten zusammen im Konzertsaal. Vater und Sohn - ein phänomenales Duo.

Silvia Rietz
Der Name Ashkenazy weckt grosse Erwartungen. Zu Recht - wie nach dem Frag-Art-Konzert vom Sonntag klar war. Vladimir Ashkenazy ist ein Name, der mächtige Schatten wirft - und aus dem herauszutreten war für Dimitri Ashkenazy weder als Musiker noch als Sohn einfach. Doch der Klarinettist hat es geschafft, geht musikalisch eigene Wege und setzte sich international als Solist und Kammermusiker durch.
Gemeinsame Auftritte von Vater und Sohn sind rar. Zumeist steht Vladimir Ashkenazy als Dirigent und sein Sohn als Solist vor dem Orchester. Der in Meggen wohnhafte Weltstar tritt nunmehr selten als Pianist aufs Podium. Vladimir Ashkenazy in Solothurn und erst noch am Flügel erleben zu dürfen, macht das Wunder vollkommen.

Wunschtraum erfüllt
“Seit ich Dimitri kenne, habe ich mir gewünscht, Vater und Sohn gemeinsam zu hören. Nun hat sich dieser Traum verwirklicht”, schmunzelte Franz Grimm. Der Wunsch des Konzertveranstalters erfüllte sich mit Kammermusik von Schumann, Berg, Lutoslawski, Saint-Saëns und Poulenc. Subtil gestaltete das Duo Ashkenazy bei Robert Schumanns Romanzen op. 94 die Übergänge, lotete die reizvolle Klangkombination von Klarinette und Klavier dynamisch differenziert aus.
Ein Höhepunkt reihte sich an den nächsten, wie die vier Stücke für Klarinette und Klavier op. 5 von Alban Berg. Der Komponist der Zweiten Wiener Schule umgeht gefällige Harmonien und erreicht neue Bereiche der Atonalität. Auf kleinstem Raum - der längste Satz dauert gerade mal drei Minuten - spielt Berg das gesamte Tempo-Spektrum durch und spielt mit dessen Eigenschaften.

Subtil begleitete Dynamik
Vladimir und Dimitri Ashkenazy brachten dessen Spannbreite und expressiven Ausdruck optimal zur Geltung. Vladimir Ashkenazy spielte sich nie in den Vordergrund, sondern begleitete Dimitri Ashkenazy diskret und subtil. Leidenschaftlich intensiv wurde das Duo bei Witold Lutoslawskis “Dance Preludes”. Das Stück ist im Original für Klarinette und Orchester geschrieben und stammt aus der Phase, in der sich Lutoslawski intensiv mit Folklore auseinander setzte.
Dimitri Ashkenazy interpretierte den melodiös angelegten Solopart mit grossem Ton und einer breiten dynamischen Palette. Vladimir Ashkenazy setzte vorab im dritten Satz Akzente, obwohl die Klarinette auch hier relativ dominant blieb. Unmittelbar vor dem Solothurner Auftritt spielten Vater und Sohn dasselbe Programm in Moskau. In der Stadt, in der Vladimir Ashkenazy vor der Flucht in den Westen lebte. Das Solothurner Konzert indessen war ein “Heimspiel” für den Junior. Dimitri Ashkenazy eroberte sich mit virtuosen Konzerten bei Frag-Art, der Musikwoche Grenchen und im Museum Blumenstein eine grosse Fangemeinde.

Elegisch und lyrisch
Camille Saint-Saëns' Sonate in Es-Dur op. 167 gehört mit zum Wunderbarsten, was für die Kombination Klarinette und Klavier geschrieben worden ist. Als Interpreten verschmolzen Vater und Sohn zu einer magischen Einheit. Ihr Spiel glich einem elegischen Gesang, geformt aus einem Geiste und aus einem Guss. Aus einem Atem. Grandios und eine Hommage an Camille Saint-Saëns. Die “Sonate pour clarinette et piano” von Francis Poulenc setzte den gleichsam poetischen Schlusspunkt unter ein Konzert, welches noch lange nachklingen wird. Ashkenazy ist ein Name, der auch für Sternstunden steht.

Aus der Solothurner Zeitung vom 25. Oktober 2005